Theodor von Hötzendorff – zum Werk

Theodor von Hötzendorff hat bis in sein Alter stets das Andenken an seine künstlerischen Lehrer bewahrt. Mit Peter Halm verbindet ihn über alle Unterschiede des künstlerischen Ausdrucks hinweg das strenge handwerkliche Ethos der Kunst, das Unprätentiöse und in jeder Hinsicht Unangeberische, und die nüchterne, unsentimentale Hingabe an das Darzustellende, ohne jeden Seitenblick auf solches, was nicht dazugehört. Bei Schinnerer, dessen Landschaften heute zu Unrecht fast vergessen sind, mag Hötzendorff jenen Sinn für die Weite und Tiefe und für das Atmosphärische einer Landschaft weiter ausgebildet haben, der für viele seiner Werke so charakteristisch ist.

Spürbar ist der durchaus eigenständig verarbeitete Einfluss Schinners noch in den figürlichen Darstellungen und in den Zeichnungen. Hötzendorff, wie viele seiner Werke bezeugen, lange im Chiemgau zu Hause, hat seine Erfahrung dessen, was Natur und Landschaft zu sein und zu geben vermögen, durch ausgedehnte Arbeitsreisen geschult. Vor allem als ein in seiner Art unverwechselbarer Landschafter hat er sich einen anerkannten Platz in der süddeutschen Malerei seiner Zeit erworben.

Die Art und Weise, wie Hötzendorff die Natur in seinen Bildern gegenwärtig sein lässt, spricht ganz eigentümlich aus deren Form und Farbe, Komposition und Gesamtstimmung.

Es ist eine großgeartete, in sich genügsame und in sich ruhende Natur, oft in wenigen lapidaren Grundformen und in kräftigen, lebhaften, meist gebrochenen, niemals lauten oder eintönigen und gesuchten Farben vor uns hingestellt. Besonders charakteristisch scheint uns, zugleich mit der raumbildenden Kraft dieser Werke, das Zusammengehen einer intensiven, gleichwohl aufgelockerten Farbigkeit mit einer meist auf wenigen, einfachen Grundelementen aufbauenden formalen Komposition. Dabei ist, vom rein malerischen her gesehen, die Form ebenso aus der mit oft breitem Pinsel gegebenen Farbe aufgebaut, wie die Grundformen ihrerseits der Farbigkeit ihren spezifischen Stellenwert und ihre lebendige, gelöste Spannung vermitteln.

Die Landschaften, die den größten Teil von Hötzendorffs Oevre ausmachen, zeigen die Natur auch dort, wo sie von Menschenhand bearbeitet und von Menschen bewohnt ist, gleichwohl immer ohne Menschen (und auch ohne Tiere). Es gibt nicht nur nichts Staffagehaftes in diesen Landschaften, sondern sie verzichten auch auf den arbeitenden oder ruhenden Menschen. Das ist sicherlich kein Zufall. Dort, wo von Menschenhand Geschaffenes gegenwärtig ist – seien es eine Häusergruppe, ein einzelnes Haus, ein Stadel oder eine Torfhütte, seien es Acker- und Weideland, Weg oder Torfstich, zeigt es sich organisch in die Natur eingewachsen, also von seiner ganz und gar nicht untechnisierten Seite. Präsent ist in diesen Landschaften stets eine Natur, die, wenn auch die Menschen sie brauchen, gleichwohl nicht von Menschen verbraucht wird. Von Hötzendorff war als Maler zugleich ein großer Kenner und Bewahrer der Natur.

Die Landschaften Hötzendorffs entstanden meist in und vor der Natur in ihrem jahreszeitlichen Wechsel, in unmittelbarer Auseinandersetzung mit ihr. Gemalt ist in einer Art Naß-in-Naß-Technik, die spätere Korrekturen kaum zulässt. Im Unterschied dazu gingen den selteneren Bildern mit figürlichen Darstellungen eingehende Vorstudien und viele Verwerfungen voraus, bevor sie für zureichend befunden wurden. Es ist das Eingebundensein der Menschen in einen größeren, organisch gewordenen Zusammenhang, was diese Darstellungen dann wieder mit den Landschaften verbindet. Nie ist der Mensch hier isoliert, nur auf sich bezogen bzw. als Mittelpunkt dargestellt. Eine eigentümliche, gebannte Ruhe herrscht in diesen Figurationen, alles Anekdotische oder breit Erzählende bleibt draußen. Die Menschen sind getragen von dem sie umgebenden, spannenden, spannungsvoll in sich gegliederten Raum, und sie erscheinen gesammelt in der herben Einfachheit dessen, was ist. An die Stelle des Spontanen, das die reinen Landschaften oft auch dort auszeichnet, wo die Natur in ihrer lastenden Schwere sich zeigt, tritt bei den figurativen Werken ein in langer Überlegung sich aufbauendes und bewährendes Komponieren.

Die Bilder Hötzendorffs gehören gewiss nicht zu jenen Werken heutigen oder gestrigen künstlerischen Schaffens, von denen sogenannte Kunstkenner gerne betonen, sie seien „modern“. Solchen immer nur auf „das Moderne“ schielenden Kennern freilich hat vor bald siebzig Jahren schon, als Hötzendorff noch ein Kind war, der große Lovis Corinth deutlich gesagt, dass „modern“ oder „unmodern“ nun einmal keine Kategorie sind, nach denen beurteilt werden könne, ob ein Werk etwas tauge oder nicht. (L. Corinth, Gesammelte Schriften, Berlin 1920. S. 44ff). Über die Qualität eines Werkes entscheidet zuletzt und ohne jeden Nebenblick dieses Werk allein.

Zu den hier versammelten Werken Hötzendorffs die rechte Einstellung zu finden, dazu können einige Sätze Max Klingers helfen aus dessen großartigem Traktat „Malerei und Zeichnung“ von 1891: „Der Eindruck, den ein Bild auf uns macht, ist um so größer, je mehr es aus sich selbst heraus auf uns wirkt. Wir erhalten dass Eindrücke, die die Natur nur selten geben kann, weil uns die Gleichzeitigkeit vieles Geschauten, der stete Wechsel, vor allem aber die eigene innere Sammlung selten zum reinen Empfinden durch das Auge kommen lassen. Wir sind vor der Natur immer Mitwirkende bei dem, was wir sehen. In ihre Stimmungen und Eindrücke mischen sich stets unsere Wünsche, unsere Unruhe. Vor dem Bilde werden diese aufgelöst, weil wir unsere eigene Person in der des Künstlers aufgehen lassen müssen, und wir, wenn dieser voll die eigene Natur zu geben weiß, die Welt durch seine Augen sehen. In diesem Aufgehen erlangen wir das, was wir im Leben umsonst suchen: ein Genießen, ohne geben zu müssen, das Gefühl der äußeren Welt ohne körperliche Berührung.“

Damit das Genießen, von welchem Klinger hier spricht, möglich wird, bedarf es der Arbeit und der Mühsal des Künstlers. Für diese Arbeit und Mühsal sei Theodor von Hötzendorff von allen herzlich gedankt, die seine Bilder, und das heißt das, was sie in einmaliger Weise aufschließen und zeigen, genießen dürfen.


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